Schmerzen und Meditation – Teil 1

 

Wie ich zur Meditation kam…

Aus dem Krankenhaus entlassen wurde ich nach der zweiten Operation mit den Worten des Stationsarztes: „Sie haben eine sehr gerade Wirbelsäule. Und dann auch noch der Morbus Scheuermann. Sie sollten viel Entspannungsverfahren machen.“

Okay…

Ich hatte schon Erfahrungen mit Entspannungsverfahren, vor allem mit Autogenem Training und ein bisschen mit Meditation.

Es dauerte jedoch etwas, bis ich mich zu einer täglichen Meditationspraxis durchringen konnte.

Für mich war zunächst nicht ganz klar, was mir Entspannungsverfahren bringen sollten. Klar, Entspannung ist immer gut. Da ich nun aber chronisch krank war und eh viel zuhause war, erschien mir ein Entspannungsverfahren nicht so notwendig. Ich hatte ja nicht mehr die Art von Stress, die man hat, wenn man Vollzeit arbeiten geht und sehr viele Termine hat.

 

Achtsamkeitsbasierte Schmerztherapie –  meine erste Begegnung damit…

Rolf erzählte mir von der Achtsamkeitsbasierten Schmerztherapie von Vidyamala Burch.

Sehr wichtig war für mich eine Videoaufzeichnung mit ihr, in der sie über Achtsamkeit, Meditation und chronische Schmerzen sprach. Beeindruckend für mich war, dass sie ähnliche Rückenprobleme hat wie ich, damit und mit ihren chronischen Schmerzen aber anscheinend recht gut umgehen kann.

Das war interessant für mich. Wie machte sie das?

 

Die Bedeutung von „Primery suffering“ und „secondary suffering“

In dem Video ging es, unter anderem, um „primery suffering“ und „secondary suffering“. Diese beiden Begriffe, beziehungsweise die Unterscheidung dieser beiden Begriffe waren für mich ein erster wichtiger Zugang zur Bedeutung von Meditation für meine momentane Situation.

Die Achtsamkeitsbasierte Schmerztherapie versteht „Primery suffering“ als ein Leiden durch die körperlichen Schwierigkeiten selbst.

Bei mir also durch die Implantate im unteren Rücken und deren Auswirkungen, wie zum Beispiel die Schmerzen beim Sitzen.

„Secondary suffering“ ist das, was ich mir zu meinen Schwierigkeiten denke, also zum Beispiel:

„Ich kann heute wieder nicht so lange sitzen. Schon nach 10 Minuten habe ich Schmerzen. Wie soll das nur alles weiter gehen? Wie soll ich es so langfristig schaffen, arbeiten zu gehen? Und dann bin ich ja auch noch selbständig? Was passiert, wenn ich gar nicht mehr kann? Bald werde ich gar nicht mehr alleine für meinen Lebensunterhalt sorgen können.“

Klar, eine chronische Erkrankung, chronische Schmerzen und eine selbständige Tätigkeit sind eine schwierige Kombination. Ich hatte auch vor der Eskalation der Rückenprobleme oft Existenzängste bezüglich meiner Selbständigkeit gehabt. Nach den beiden Rückenoperationen haben sich diese Existenzängste allerdings noch weiter verstärkt.

 

Der Online-Meditationskurs

Ich nahm also an einem 6-wöchigen Online-Meditationskurs mit zwei täglichen geführten Mediationen teil. Ich lernte in den 10 minütigen Meditationen, immer wieder zurück zu meinem Atem, bzw. zurück zur Beobachtung meines Atems und zur Beobachtung meines Körpers zu kommen. Am Anfang war das ziemlich schwierig. Ich hatte ständig alle möglichen Gedanken, meine Gedanken wanderten hierhin und dorthin. Ich musste gefühlte 100 Mal während der 10 Minuten Meditation zurück zur Beobachtung meines Atems kommen.

 

Meine Beobachtungen nach ein paar Monaten täglicher Meditationspraxis

Ich blieb jedoch dran und übte auch nach Ende des Online-Kurses weiter jeden Tag 10 Minuten. Jetzt nach ein paar Monaten stelle ich langsam eine Veränderung in meinem Denken fest.

Wenn ich zum Beispiel wieder stärkere Schmerzen habe oder mein Bein sich schwächer anfühlt oder ich Wirbelgleiten oberhalb des operierten Bereichs habe, kann ich nun die Geschichten, die sich angestoßen durch diese Ereignisse in meinem Kopf entwickeln möchten, schneller unterbrechen bzw. beenden.

Früher führten etwa stärkere Schmerzen oberhalb des operierten Bereiches häufig zu folgenden inneren Monologen:

„Oh nein, jetzt habe ich auch noch Schmerzen oberhalb des operierten Bereichs. Vielleicht ist das jetzt schon die Anschlussdegeneration. Dann muss vielleicht wieder operiert und die nächsten Etage versteift werden. Oh nein, wo soll das alles nur hinführen? Was soll ich denn jetzt nur machen?“

Diese inneren Monologe waren dann immer auch von wachsenden Gefühlen der Deprimiertheit bis hin zur Verzweiflung begleitet. Es ging mir dann nicht nur aufgrund der Schmerzen schlecht, sondern auch noch zusätzlich durch die bedrückenden Gefühle, die sich aus meinen Gedanken, genauer gesagt, aus meinen Katastrophenphantasien ergeben haben.

Natürlich können die Schmerzen tatsächlich von einer Anschlussdegeneration herrühren. Dies ist eine häufige Komplikation oder auch „Nebenerscheinung“ der Wirbelsäulenversteifung. Tatsächlich weiß ich das aber in dem Moment, in dem ich Schmerzen habe und anfange, über die Ursache dieser Schmerzen nachzudenken bzw. zu phantasieren, nicht. Wenn ich mich in Katstrophenphantasien verliere, wird die momentane Situation nur schwieriger zu handeln. In der aktuellen Situation hilft es mir nicht, über eine mögliche nächste Operation nachzugrübeln.

Um mich nicht vor der realen Situation oder vor dem tatsächlichen Zustand meines Rückens zu verschließen, habe ich für mich ein paar Kriterien aufgestellt, die erfüllt sein müssen, um mir einen Termin beim Orthopäden zu machen. Diese Kriterien habe ich mir in einer relativ schmerzfreien Situation überlegt. Zum Beispiel habe ich für mich einen Zeitraum festgelegt, über welchen die Schmerzen anhalten müssten.

So beachte ich meine Rückensituation, verliere mich aber nicht in Katastrophenphantasien, die für mich die Situation nur verschärfen.

 

Zusammenfassung: Was kann dir Mediation bringen, wenn du unter chronischen Schmerzen leidest?

Durch eine regelmäßige Meditationspraxis kannst du lernen, im Jetzt zu leben. Du siehst den augenblicklichen Moment und versuchst, diesen zu leben oder auch durchzustehen, wenn du Schmerzen hast. Du lernst, dich in einer schwierigen Situation nicht noch zusätzlich durch deine Gedanken und die dadurch entstehenden  Gefühle wie Angst, Deprimiertheit und Verzweiflung zu belasten.

Diese Fähigkeit kann deine Lebensqualität erhöhen, weil ein Teil deines Leides, der durch die Katastrophengedanken und die daraus entstehenden Gefühle ausgelöst wird, nach und nach mit mehr Meditationspraxis wegfallen kann.